Piaggio Beverly: Wenn der Heilige Geist führt

In meiner Verwandtschaft sind eigentlich alle Menschen ordentliche Menschen und einige sind recht erfolgreich. Eine Familie aber überragte immer alle anderen.
Der Vater war Schädelchirurg und Primar Stellvertreter, die Mutter Krankenschwester, und die beiden Söhne in der Schule blitzgescheit.
Mit Stichworten würde ich sagen: Hohes Einkommen, noble Wohnung, beste Küche und qualitätsvolle Gespräche.

Wenn ich jetzt wenigstens sagen könnte, dass diese Menschen hochnäsig, arrogant und eingebildet sind, aber, nicht einmal das. Es sind nette, gebildete Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben.

In manchen Berufen ist die Weihnachtszeit die wichtigste, weil da das meiste Geschäft ist und man daher viel zu tun hat. Bei meinem Onkel war die stressigste Zeit immer das Frühjahr. Denn, wenn an den ersten schönen Frühlingstagen die jungen Burschen, die dann zu wilden Männern werden, ihre Motorbikes aus dem Winterschlaf holen, und ihre ersten Motorradausfahrten machen, dann, ja dann gibt es auch Unfälle. Und dann hat mein Onkel als Schädelchirurg versucht die Gehirne der Verunfallten wieder so gut wie möglich zusammenzuflicken.

Und deshalb bekamen seine beiden Söhne auch nie ein Moped, und sich als Erwachsene selbst ein Motorrad zu kaufen, haben sie sich wohl nicht einmal zu denken getraut.
Und meine Eltern dachten natürlich auch immer gleich. Meine Eltern hatten Angst davor, dass ich einen Motorradunfall habe, obwohl ich gar kein Motorrad hatte, oder, dass ich als Beifahrer einen Motorradunfall habe, obwohl sie mir strengstens verboten haben mit einem Motorrad mitzufahren.

Als ich 54 Jahre alt war, kaufte sich ein lieber Freund von mir einen kleinen Motorroller. Ich sollte auch unbedingt einmal fahren, meinte er, und dann wackelte ich einige Tage lang, fast im Schritttempo, mit seinem Motorroller durch die Gegend.
Und das ist so geil, aber so darf man das nicht sagen, dass ich mir dann auch einen Motorroller kaufte. Und dann war ich sechs Jahre lang ein Motorroller-Hippie und immer wieder, wenn ich so dahinfuhr, dachte ich mir, dass ich es gar nicht glauben kann, dass ich es bin, der da mit einem Motorroller durch die Gegend fährt – sie wissen schon, wegen meinem Onkel, dem Schädelchirurgen.

Dann hatte ich einen Unfall, der aber nicht allzu schlimm ausging. Ein verantwortungsloser Kleinlastwagenfahrer hat mich im Stehen umgestoßen, und mein Motorroller war weg.

Wie geht´s jetzt weiter?
Man sollte ja immer arbeiten, aber im letzten Winter habe ich dann doch immer wieder im Internet geschaut, welche Motorroller es gibt, welche angeboten werden und welche ungefähr wie viel kosten.
Zu Beginn des Sommers habe ich mich dann insgesamt dreimal auf den Weg gemacht, um mir einen Motorroller zu kaufen.
Einmal betrug die Fahrzeit 6 Stunden, einmal 5 Stunden und einmal 2 Stunden.
Aber, es wollte einfach nicht sein.
Und die ganze Zeit hatte ich so einen Zwiespalt in mir: Soll ich mir überhaupt nochmals einen Motorroller kaufen? Einerseits Ja und Andererseits Nein! Aber, mit der Zeit wurde das Nein immer kräftiger und ich war schon dabei das Projekt „Motorroller kaufen“ aufzugeben.

Und was tut der Heilige Geist?
Der Sommer steht in voller Pracht. Ich habe Geburtstag und liebe Freunde schenken mir nicht ein unsinniges Geschenk, sondern sammeln für einen Beitrag zu einem Motorroller für mich.
Da kann man ja gar nicht anders, da muss man dann einfach wieder im Internet schauen, was so angeboten wird.
Und, oh Gott oh Gott, das darf doch nicht wahr sein, da bietet mein Nachbar seinen Motorroller an. Den Motorroller, den ich seit 6 Jahren kenne, und in all den Jahren habe ich mir immer wieder gedacht, dass ich diesen Motorroller, falls er verkauft würde, eventuell schon kaufen würde, er ist nämlich etwas stärker als mein erster Motorroller.

Liebe Leser!
Wir glauben immer wieder, wir können unser Leben planen und steuern.
Das stimmt auch, wir müssen sogar unser Leben planen und steuern und wir müssen unser Bestes geben,
aber, wir können dem Leben nicht unseren Willen aufzwingen.
Wir machen und tun, und das ist auch gut so, aber das ist nur die eine Seite,
die andere Seite ist, dass wir auch geführt werden,
und meist sehen wir nicht wirklich genau genug, wie sehr wir geführt werden.

Wir werden geführt, indem wir nicht Bekommen was wir uns wünschen und indem wir Bekommen mit was wir niemals gerechnet hätten.
Wir begegnen Menschen, es entstehen Situationen, wir entscheiden uns für dieses und gegen jenes und im Rückblick erkennen wir, wie sehr nicht wir den Weg bestimmten, sondern wie sehr wir geführt wurden.

Es ist der Heilige Geist, der uns führt, und der will von uns nur eines: Unsere Demut!

Weisheit ganz persönlich,
immer wieder um Demut bemüht,
Dr. W. Zottler

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