Einleitung Teil 6: Die Stille hören

000000006

Die Stille hören.
Die Nacht sehen.
Das Nichts fühlen.

Was meinen Sie, geschätzte Leserin und geschätzte Leser?
Kann man die Stille hören, die Nacht sehen, das Nichts fühlen?

Ich meine, man kann!

Die Stille hören

Wenn man aus einem Raum geht mit vielen Menschen, die laut sprechen und durcheinander reden und in dem laute Musik spielt und Gläser klirren, und wenn man dann in einen anderen Raum geht und hinter sich die Türe schließt, ist es dann nicht die Stille, die wir hören?

Oder ein Musikstück. Was wären viele Musikstücke ohne die Stille zwischen den Tönen? Vielleicht könnte man sagen, die Stille zwischen den Tönen ist wie der Mörtel zwischen den Ziegeln, und darum wirkt eine Ziegelmauer aus Ziegeln und Mörtel warm und lebendig im Vergleich zu einer großen glatten Betonmauer.

So manche Musikstücke sind gar nicht vorstellbar ohne die Stille dazwischen, und bei manchen Musikstücken ist die Stille der eigentliche Höhepunkt. Es beginnt ganz leise und ganz langsam, und dann „spricht“ das Klavier immer lauter und immer schneller und plötzlich stoppt es, und wir hören die Stille, und wir hören in der Stille das Klavier also die Musik noch immer, obwohl alles nur mehr Stille ist, und dann beginnt das Klavier von neuem und macht weiter, immer weiter.

Oder im Konzertsaal, wenn der Dirigent wild mit den Armen arbeitet und die Musiker mit ihren Instrumenten schon in höchster Ekstase sind, und dann sind plötzlich alle ganz still, und bei 750 Besuchern hüstelt nicht ein einziger und nicht ein einziger Sesselfuß raunzt und mit einem Mal hören alle in die Stille, sodass man eine Stecknadel fallen hören könnte.

Und die Stille, die kann man nicht nur hören, sondern sogar auch sehen. Im Bild an der Wand sieht man einen Gebirgssee und mit einem Mal hört man die Stille dieses Gebirgssees in sich.

Die Nacht sehen

Meist fällt es einem hier bei uns gar nicht auf. Wir haben immer Licht. Licht im Zimmer, Licht im Vorzimmer, Licht vor der Eingangstüre und das Licht der Straßenlaternen. Das Licht des Schaufensters erleuchtet die Straße und das Licht des Autoscheinwerfers durchdringt die Nacht. Aber war da nicht etwas am Straßenrand, im Finsteren? Ein Reh, das mir vielleicht gleich ins Auto läuft, oder gar ein Mensch, oder gar ein Kind? Ganz angespannt versucht man dann durch das Finstere zu sehen, man versucht durch die Nacht zu sehen.

Heute wurde es spät, und deshalb ist man jetzt im Finsteren in der Nacht auf dem Heimweg. Es ist nicht eine dieser hellen Nächte in denen der Mond strahlt und man nach einer Zeit der Eingewöhnung fast so gut sieht wie am Tag. Und dann muss man auch noch durch den kleinen Wald. Und wenn es dann ganz finster ist, und wenn es dann plötzlich knackst, versucht man dann nicht ganz automatisch durch die Nacht zu sehen? Was war das für ein Knacksen? Wer oder was hat dieses Knacksen verursacht? War es nur ein Holzstück, das in sich arbeitet und das dann knackst, oder war es gar ein Tier, das auf etwas gestiegen ist, weshalb es dann knackste, oder gar ein Mensch? Ist das nun gefährlich für mich oder nicht, und versucht man dann nicht ganz automatisch in die Nacht zu hören und in die Nacht zu sehen?

Wenn man mit dreißig Menschen in einem geschlossenen Raum ohne Licht ist, und alle sind ganz still, dann hören alle in die Nacht und dann sehen alle in die Nacht und dann beginnen sich die Grenzen aufzulösen und man beginnt die Orientierung zu verlieren: Wer bin ich, wo fange ich an und wo höre ich auf, und dann versucht man mit seinen Augen die Finsternis zu durchdringen, denn man weiß ja, da sind auch noch andere im Raum. Und um sich selbst nicht zu verlieren in der unendlichen Finsternis also in der unendlichen Nacht, versucht man durch die Nacht zu sehen.

Und manchmal, wenn man tief in der Nacht plötzlich aufwacht, und es ist ganz finster, und es ist ganz still, und plötzlich weiß man wie man sich in dieser so wichtigen Frage zu entscheiden hat, weil man das was man am Tag nicht sehen konnte jetzt ganz klar sieht in der Finsternis der Nacht. Und dann ist die Nacht nicht mehr Nichts, sondern dann kann man plötzlich die Nacht sehen, auch wenn das dann bald wieder vorbei ist.

Das Nichts fühlen

Kann man das Nichts fühlen? Vielleicht gibt es ja gar kein Nichts, denn alles ist ja etwas. Auch das Nichts ist etwas. Ich schreibe ja gerade darüber und Sie denken ja gerade daran, an das Nichts.

Jeder von uns ist so wichtig. Wenn ich nicht diese Arbeit gemacht hätte, dann, ja dann. Wir sind so wichtig, dass wir darüber schwer im Stress sind, so wichtig ist unsere Arbeit, so wichtig ist unser Tun, und dann sitzt man dem Arzt gegenüber und der sagt „ja, der Test ist positiv, sie haben Krebs“. Vielleicht ist man dann ja gar nicht aufgeregt, man empört sich auch nicht, man ist auch nicht traurig oder wütend oder ängstlich, da ist dann einfach nichts und zugleich ist in diesem Nichts alles.

Eine schreckliche medizinische Diagnose; ein Zettel auf dem steht „Kündigung“; der Zweite hüpft aufgeregt auf seinem Podestplatz herum und lacht und jubelt, man selbst hat gewonnen, aber man fühlt nichts, man fühlt nicht die Freude und Begeisterung von der man so oft geträumt hat und für die man so viele Jahre trainiert hat, man fühlt einfach nichts und zugleich fühlt man doch alles zugleich und auf einmal.

Man schaut gedankenverloren vor sich hin, und dann fragt die Ehefrau woran man den denkt, und oft lautet die Antwort dann „an nichts“. Aber manchmal ist das wohl eine Lüge. Und manchmal ist es auch die Wahrheit, denn im Augenblick wo man gefragt wird weiß man wirklich nicht mehr woran man gerade gedacht hat. Aber man hat zuvor nicht nichts gedacht, sondern man hat zuvor sehr wohl gedacht und man hat sehr wohl an etwas gedacht. Man hat an dieses und jenes gedacht, aber im Augenblick der Frage hat man es mit einem Schlag vergessen, aber es war zuvor nicht nichts.

Man sitzt am See und blickt gedankenverloren auf das plätschernde Wasser. Dabei erlebt man nicht nichts, sondern sehr vieles. Es mögen keine glasklaren Gedanken in logischer Reihenfolge sein, die man dann wiederholen kann, aber es ist nicht nichts, dass man erlebt, sondern man ist ganz erfüllt, auch wenn man mit Worten nicht sagen kann von was man erfüllt ist.

Und oft ist das Nichts so manifest, dass man meint es angreifen zu können, obwohl man es nicht mit seinen Händen angreifen kann, aber es ist da, das Nichts.

Herzlichst,
das Nichts kennend,
Dr. W. Zottler

PS: Und Sie, geschätzte Leserin und geschätzter Leser? Was fühlen Sie, was denken Sie, welche Worte fallen ihnen ein zu den Worten „die Stille hören, die Nacht sehen, das Nichts fühlen?“ Die obigen Worte sind meine Beschreibung davon, aber sie fühlen und empfinden und denken dazu bestimmt anders, und sie haben dafür bestimmt andere Worte. Welche?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code